Anne Weber


Die kleine Prinzessin
Ida erfindet das Schießpulver

Geschichten von Anne Weber

Von Holger Stunz

Lesen am Fluß, das ist keine gute Idee, wenn man Geschichten liest, denn man schaut zu oft auf. Jedesmal, wenn ein Schiff vorbeikommt, fühlt man sich genötigt, hoch zu schauen, aber das macht bei Anne Webers Geschichten nichts, denn sie sind kurz, so daß es paßt, immer einmal aufzuschauen.
Ida ist ein Monster, genau überlegt, sie hat nicht viel Menschliches und manches kennt man nur zu gut; vielleicht ist sie deshalb ein Monster. Die Hauptperson jeder der 60 kleinen Geschichten ist Ida. Die Geschichten sind keine Kindergeschichten, Ida ist eine Frau, die als Stripperin arbeitet. Aber die Geschichten sind fast wie für Kinder erzählt: Kurze Sätze, einfache Wörter, tägliche Erfahrungen. In die Geschichten ist wenig hineingepackt, aber dennoch schießt vieles heraus – Schießpulver eben. Ida hat lauter zündende Gedanken, sie experimentiert, sie spielt mit dem Feuer. Aber Ida ist eigentlich unauffällig, denn würde man ihr begegnen, man würde weder eine kleine Ida noch ein Monster in ihr vermuten. Ja, das ist der Clou, natürlich, ein bißchen Ida steckt in jedem, aber sie formuliert wahrlich nichts, was einem so auf der Zunge liegt. Im Gegenteil; die Geschichten sind gewöhnungsbedürftig, denn sie haben ihre eigene Logik. Das ist aber nicht schwer zu verstehen, denn Ida sprengt einen Alltag, den man kennt.
Manchmal sollte man wirklich öfter aufschauen vom Buch, da braucht einen gar kein Fluß zu nötigen, denn grübeln muß man über diese skurrilen Geschichten schon.
Was macht Ida? Sie vermindert das Leiden der Menschheit, indem sie Schrumpfköpfe aus ihr macht, sie will Sprengstoff herstellen, um die ganze Welt zu sprengen, sie erschafft Gott, entlarvt Worthülsen … Ida tut eigentlich immer etwas Außergewöhnliches. Sie hat einen enormen Vorteil –niemand kann in sie hineinschauen, denn sie hat Masken oder gar eine Angestellte, die für sie die unangenehmen Teile des Tages lebt.
Vor allem stellt sich Ida aber Fragen _ ob sie Antworten findet, ist eine zweite Sache: Sie wundert sich auch wirklich, sogar so sehr, daß sie die Welt nicht mehr versteht. Die Perspektive spielt dabei eine wichtige Rolle: dem Stern erscheint das Treiben der Menschen als sinnlos, Ida denkt das gleiche vom Stern. Ida beobachtet die Menschen, die ganz zielstrebig umherrennen, und fragt sich, ob sie wissen, wohin sie wollten. Ida ist aber eigentlich nicht nur eine Person, sondern auch in jeder Geschichte eine andere; die Geschichten lassen sich nicht zu einer story zusammensetzen, sie haben auch keine Ordnung, keine Komposition, oder? Wer spricht da überhaupt, Idas Freundin, aber Ida ist eigentlich unnahbar, sie mag keine Gesellschaft. Freunde sind ihr zu viel. Ida ist keine Person, sondern ein Prinzip.
Manchmal schaut man doch nicht auf und muß den Schiffen hinterherschauen; mit den Geschichten ist es genauso –sie treiben an einem vorbei und sind dann ganz langsam weg, denn bald kommt schon die nächste.
Ida hat aber ein Gerechtigkeitsempfinden und weiß, was gut und böse ist. Sie verdammt den Krieg, sie entlarvt die Oberflächlichkeit, macht sich über die Feine Gesellschaft lustig, sie kritisiert eine Profitwirtschaftsweise. Keine Angst, Ida sendet keine Botschaft, sondern sie wundert sich. Auch der Leser sollte sich wundern, warum er sich viele Fragen gar nicht stellt, obgleich die Lösungen so einfach sind, daß jedes Kind sie erdenken kann. Vor der Sprache warnt Ida, denn sie kann verpacken, die Sprache sollte man sehr genau nehmen und sie nicht zum Verschleiern benutzen. Ida sagt gerade heraus, was ihr paßt; genauer: jemand erzählt, wie Ida ist und wie sie denkt.
Geschichten dürfen nicht so kurz sein, denn sonst werden die Denkpausen so lange. Man blickt dann ohnehin nur den Schiffen hinterher, ohne zum Schluß zu wissen, warum. Deshalb kommt es einem bei jeder Geschichte so vor, als hätte man noch nie eine davon gelesen. Distanz macht fremd.
Entdeckungen sind in diesem Buch meist so alltäglich wie grotesk: Das Gehirn sieht aus wie ein Labyrinth, Idas Leben besteht aus Lücken, aus schwarzen Löchern.
Oft atmet sie auf, sie befreit sich von etwas, was sie eigentlich gar nicht will, sie will sich losmachen von Verstrickungen. Die gewonnene Freiheit nutzt sie, denn sie will das möglich machen, was sie sich wünscht. Die Explosionen, die Ida herbeiführt, zerstören und befreien, sie ziehen durch einfache radikale Überlegungen einer alltäglichen Praxis den Boden unter den Füßen weg. Ida denkt ihre Gedanken nämlich konsequent zu Ende.
Ein Monster ist Ida nicht – Menschliches, allzu Menschliches.

Keine Schiffe mehr auf dem großen Fluß, Ruhe. Das kommt einem komisch vor. Ob Ida sie stromaufwärts aufgehalten hat? Aber wer hält heute schon Schiffe auf? Keine Erwachsenen.