Uwe Timm


Der Roman als Nachruf – „Rot“
Wiebke Skalicky

Thomas Linde verliert sich: Der Roman setzt ein kurz nach einem Verkehrsunfall, die Handlung läuft ab in den letzten Lebensminuten des Ich-Erzählers. Seine Seele hat den Körper bereits verlassen, schwebt über der Szene und nimmt das Ganze in den Blick, sein Leben zieht noch einmal an ihm vorüber und wird dabei von ihm selbst kommentiert, sozusagen professionell, denn das ist sein letzter Beruf gewesen – Beerdigungsredner für Konfessionslose. Außerdem schrieb er gelegentlich Jazzkritiken, spielte Klavier in einer Altherrenband – allmählich lernt der Leser ihn und sein Lebenskonzept kennen, fügen sich die Details zu einem Bild zusammen:

„Ich lebe in weißen leeren Räumen, ohne Ballast, etwas altmodisch, wie sie gleich sagte. Zwei leere Zimmer in einer Dachwohnung, alles weiß. Ansonsten viel Grau und Schwarz, meine Dienstkleidung, altgetragen, aber gute Ware, Sachen, die man auch ausgefranst und mit Löchern tragen kann: Kaschmir, Baumwolle, Seide. (…) Keine Bücher, mit Ausnahme des Buchs der Bücher. Man kann von der Konkurrenz nur lernen. Ich kaufe immer nur ein Buch, lese es, verschenke es oder lasse es auf dem Postamt liegen. Mein Hausstand bleibt leicht transportabel, wie die Reiseschreibmaschine, eine Adler Viktoria. Ich bin einer der letzten, der sich an einer mechanischen Maschine abmüht. Aber ich muß ja auch keine Romane schreiben. Ich habe meine verlängerten Finger als schmale Stahlgelenke vor Augen und die Mechanik im Ohr, den satten Anschlag. Es macht mir Spaß, schreibend die Typenhebel zuschlagen zu sehen. Die Notizen schreibe ich mit dem Füller, zuweilen mit dem bestimmten Gefühl, Geist fließe aus den Fingern.“

Dieses nahezu kontemplative Dasein wird durcheinandergerüttelt, als er nach einer seiner Ansprachen die um zwanzig Jahre jüngere, verheiratete Lichtdesignerin Iris kennenlernt: Seine Worte, seine Bildung wirken überraschend stark auf sie, und von dieser Wirkung wird er wiederum selbst überrascht. Er gerät dadurch ab vom Pfad der Abklärung und geht eine emotionale Bindung ein, deren Konsequenzen ihn fast überfordern. Eine Zukunft mit Iris scheint sich abzuzeichnen, doch zunächst muß Linde noch einmal abtauchen in seine Vergangenheit – dazu gedrängt durch Iris’ Fragen, aber auch seinen letzten Auftrag. Er sollte nämlich die Grabrede halten auf einen früheren Freund und Genossen, mit dem er die Welt verändern wollte und den er lange schon aus den Augen verloren hat. Doch was bezweckt dieser aus der Versenkung aufgetauchte Aschenberger mit seiner testamentarischen Verfügung – ist es nur der Wunsch, nicht sang- und klanglos zu verschwinden, der andere möge für ihn nach den durchgehenden Motiven seiner Existenz suchen und den Hinterbliebenen schließlich die Summe eines Lebens präsentieren, das einer einzigen, bedeutenden Aufgabe gewidmet war? Oder steckt mehr dahinter, will er ihn als Testamentsvollstrecker in ganz anderem Sinn – darauf könnte zumindest das Päckchen mit Sprengstoff hindeuten, das Linde beim Stöbern in der mit Büchern und Papieren vollgestopften Wohnung dieses „Grottenolms der Weltrevolution“ entdeckt.

Der Roman blättert die Chronik einer Gesellschaft und ihrer Veränderung in vielen Details auf, Geschichte wird reflektiert in den eingebetteten Lebensläufen aus unterschiedlichen Generationen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Jahre um 1968, die für Linde und Aschenberger prägend waren:

„Wir saßen und diskutierten, in einem Keller, das ist die Haupterinnerung: Diskussionen, Reden, Rede und Gegenrede, warum man so war, wie man war, und wie man ein anderer werden könnte, wie das, was war, geworden war, wie das, was war, besser werden könnte, das Studium, die Arbeit, das Zusammenleben, es wurde viel im Perfekt, viel im Präsens, vor allem aber im Futur gesprochen. (…) Lustgewinn hieß immer auch die Lust an der Lust der anderen. Das war am Anfang, später wurde in Kleinkadern an der Weltrevolution gearbeitet. Eine verbiesterte, trübe Zeit. Der Kampf der Gruppen gegeneinander um den rechten, den einzigen, den richtigen Weg zur Weltrevolution.“

Der Erzählton ist dabei angenehm unaufdringlich, oft von leiser Ironie durchzogen, wenn etwa Aschenbergers „netter Sohnemann“ die Schätze im Bücherschrank seines Vaters – Erstausgaben von Bloch, ein Widmungsexemplar von Marcuse – nicht bemerkt, was vom Wohnungsauflöser natürlich ausgenutzt wird: „So rächt es sich, wenn man nicht mal bis 26 Kommunist war.“ Doch hinter diesem schlichten, unprätentiösen Stil (und bei aller Komik, die den Roman auch auszeichnet) schimmert in weiten Teiles des Textes eine riesengroße Frage durch: Was ist denn das, ein glückliches, ein mit Sinn erfülltes Leben? Als Leserin des Buches wende ich auf der Suche nach Antwort unwillkürlich die Arbeitsmethoden Lindes auf seine eigene Biographie an und spüre in diesem Nachruf dem nach, was eine Existenz ausmacht: das Einzigartige, Individuelle hinter der Alltäglichkeit.