Peter Stamm

Peter Stamm sinniert ... ... und signiert.

Gefrorene Augenblicke – „Blitzeis“ von Peter Stamm

von Wiebke Skalicky


Schon bei meiner ersten Lektüre, kurz nach Erscheinen der Taschenbuchausgabe (also im Spätherbst 2001), hat mich Peter Stamms schnörkellose, ungekünstelte Sprache sehr beeindruckt, vor allem die Art, wie er es versteht, eine ungemein dichte, oft nahezu bedrängende Atmosphäre zu erzeugen, Stimmungen und Gefühlslagen mit wenigen Strichen nachzuzeichnen, wobei er dennoch auf angenehme Weise distanziert bleibt, der Rolle eines kühlen, nüchternen Beobachters den Vorzug gibt, den Leser nirgends zur Einfühlung nötigt. Beim zweiten Lesen des Bandes für diesen Beitrag war ich überrascht, wie genau ich mich – nach immerhin einem Jahr – noch an die neun Erzählungen erinnern konnte, an Figuren und sogar einzelne Dialoge.

Die handelnden Personen sind oft auf Reisen, aufgebrochen, unterwegs: auf der Flucht vor oder auf der Suche nach irgendetwas. Die Großstadt (mehrmals New York) oder auch das Meer, der Strand werden zu entgrenzten Räumen, in denen sie sich treiben lassen:

Der Regen hatte nachgelassen, und ich blieb an der Straßenecke stehen, um mir eine Zigarette anzuzünden. Ich wusste nicht, ob ich weitergehen sollte. Da sprach mich eine junge Frau an und bat mich um Feuer. Sie sagte, es sei ihr Geburtstag. Wenn ich zwanzig Dollar hätte, könnten wir ein paar Sachen kaufen und ein kleines Fest machen.
„Es tut mir leid“, sagte ich. „Ich habe nicht soviel bei mir.“
Sie sagte, das sei egal, ich solle hier auf sie warten. Sie gehe einkaufen und komme dann zurück.
„Seltsam, dass du Weihnachten Geburtstag hast.“
„Ja“, sagte sie, als habe sie daran nicht gedacht, „das ist wahr.“
Sie ging die Straße hinunter, und ich wusste, dass sie nicht zurückkommen würde. Ich wusste, dass heute nicht ihr Geburtstag war, aber ich wäre trotzdem mit ihr gegangen, wenn ich genug Geld dabeigehabt hätte. Ich rauchte die Zigarette zu Ende und zündete mir eine zweite an. Dann machte ich mich auf den Weg zurück. (35)

Eine besondere Stärke Peter Stamms liegt für mich in seiner Fähigkeit, ganz unterschiedliche Formen von Alleinsein und Einsamkeit darzustellen: etwa die verzweifelte Absonderung, wie sie Larissa erfährt, die Protagonistin der Titelerzählung, eine junge Frau, die an einer unheilbaren Form von Tuberkulose erkrankt ist. Daneben steht die gleichsam entrückte Abgeschiedenheit, in der sich der Ich-Erzähler aus
„Passion“ aufgehoben und fast geborgen fühlt:

Ich dachte, so möchte ich immer liegen, unter dem offenen Fenster, und zuhören, wie andere Pläne machen. (68)

Doch der selbst gewählte Rückzug führt letztlich zu zwiespältigen Empfindungen:

Seitdem wir hier waren, hatte ich viel weniger gelesen, als ich mir vorgenommen hatte. Jetzt, wo ich endlich Zeit hatte, sehnte ich mich nach Leben und war doch froh, nicht im heißen Auto zu sitzen oder durch eine schläfrige Stadt zu gehen, durch Fußgängerzonen voller schwitzender Touristen, oder Kaffee zu trinken auf einer überfüllten Terrasse. Ich fühlte mich einsam, wie man sich nur im Sommer einsam fühlt oder als Kind. Es war mir, als sei ich einzeln in einer Welt, in der es nur Gruppen gab, Paare, Familien, die zusammen waren, irgendwo, weit entfernt. (69)

Der Zustand von (Selbst-)Entfremdung, in den die Charaktere durch die Konfrontation mit sich selbst oder auch anderen geraten, führt zu Momenten der (Selbst-)Erkenntnis und plötzlichen Klarheit, wie sie in einer vertrauten Umgebung wohl nicht möglich wären – sie mussten sich entfernen, um wieder zu sich zu kommen. Als Konsequenz daraus werden bereits gefasste Selbstmordpläne verworfen (zumindest aufgeschoben) oder auch überlebte Bindungen gelöst:

Sie nahm eine Handvoll Sand und ließ ihn langsam auf die Qualle rieseln. Sie wartete.
Schließlich sagte ich: „Willst du dich …?“
„Wenn die Sonne scheint, bleibt nichts zurück“, sagte Maria. Sie zögerte, dann sagte sie, ja.
„Das ist Italien“, sagte ich, „das ist nur, weil wir in Italien sind. Zu Hause sieht alles gleich ganz anders aus.“
„Ja“, sagte Maria, „deshalb.“ (72)

In vielen Fällen bleibt das Ende offen, die Richtung, in die es nun weitergeht, ungewiss. Auch wenn sich ein Mensch in einem Augenblick seiner selbst gewahr wird – was heißt das schon? Der Verzicht auf eine aufdringliche psychologische Ausleuchtung von Motiven und Entscheidungen lässt den Personen ihr Rätsel. Dieser Kunstgriff, der für das lange Nachwirken der Erzählungen mit verantwortlich sein dürfte, ist nur einer der Gründe, weshalb ich „Blitzeis“ zur (wiederholten) Lektüre empfehlen möchte.