Burkhard Spinnen

“Märzhase”, Neues Erzählen und Klagenfurt

von Tommy Edholm, Gaststudent Odense Universität, Dänemark

Mit schönen Geschichten von u.a. Katja Lange-Müller, die wir von der vorLesung kennen, Ingo Schulze, den alle kennen, und Meister Menasse, den alle kennen sollten, ist die 1996 erschienene, von Martin Hielscher herausgegebene Anthologie Wenn der Kater kommt. Neues Erzählen – 38 deutschsprachige Autorinnen und Autoren ein absolut empfehlenswertes Buch. Burkhard Spinnen tritt in dieser Anthologie mit der Kurzgeschichte “Märzhase” auf.

“Märzhase” ist eine kurze Geschichte, die in den letzten Stunden einer Militärübung spielt. Man folgt einer kleinen Gruppe reaktivierter Soldaten in der letzten Schlacht des fingierten Krieges. Der Ton unter den Soldaten ist von einem gewissen Sarkasmus der ganzen Sache gegenüber geprägt, aber sie nehmen trotzdem das Spiel ernst und tun, was man tun muß, sozusagen. Als sie auf ein paar Kinder stoßen, wird es ein bißchen ernst. Es ist ja tatsächlich ein Truppenübungsplatz und Kinder haben da nichts zu suchen. Hier muß etwas unternommen werden. Der Unteroffizier paßt die Lage an und entwirft ein neues Szenario: “Aber von mir aus neue Lage. Die Kinder sind versprengte Zivilisten, die in Sicherheit gebracht werden müssen.” Aber die Kinder sind natürlich nicht versprengte Zivilisten in einem Krieg und lassen sich nicht so leicht einfangen. Sie laufen weg, und bei der Verfolgung kommt es zu einem Unfall: Ein Soldat fällt so unglücklich, daß er bewußtlos liegen bleibt. Die Situation hat sich jetzt verändert, von einer Situation, die nach bewährten Handlungsmustern korrekt zu meistern war: Zivilisten in Sicherheit bringen – Helden wie wir! –, geht es jetzt in Richtung totale Katastrophe. “Jetzt wirds ernst”, sagt ein Soldat, und als Leser erinnert man sich an das, was ein Kommandeur am Anfang sagt: “Machen wir uns nichts vor. Kein Mensch weiß, was wir im Ernstfall tun werden.” Der Ernstfall tritt dann auch wirklich ein, als der Trupp den verletzten Soldaten in dem vermeintlichen Haus eines Schäfers unterbringen möchte: statt des Schäfers treffen die Soldaten auf ein Ganovenpärchen (?), das eine Schießerei eröffnet, bei der die Frau angeschossen wird, ob sie stirbt, bleibt im Dunklen. Der Mann flieht, die Soldaten werden kurzzeitig eingesperrt, können aber von dem mittlerweile aus seiner Bewußtlosigkeit erwachten Kollegen befreit werden. Die Normalität ist wieder hergestellt: kein Verletzter mehr, die Zivilisten sind verschwunden, man kann nur den Verlust eines Gewehrs beklagen, aber dafür lässt sich bestimmt eine gute Ausrede finden. Man schafft es sogar, rechtzeitig zur Sammelstelle zu kommen. Und die totgeschossene Frau? Den Vorfall zu berichten würde viel zu viel Scherereien machen, besser nichts sagen, so kommt man noch rechtzeitig nach Hause, um die Wahlsendung zu sehen. Der Unglücksschütze ist zwar am Ende von moralischen Skrupeln geplagt, aber die Wahlsendung hat schon angefangen, und letztendlich war es ja nur ein Spiel.
Burkhard Spinnens Geschichte ist spannend erzählt. Sie stellt eine absurde Welt vor, in der Autoritätstreue (oder -angst), Korrektheit und Erscheinungsbild im Vordergrund stehen und Moral und Wahrheit keine Bedeutung mehr haben.
Sie kann als Parabel für das Verhältnis der fernsehenden Gesellschaft zum Krieg gelten. In der heutigen Zeit werden Kriegsbilder zwischen Gameshows und blutigen Action-Thrillern gezeigt. Dadurch wird eine große Distanz zum Gezeigten erzeugt, so daß man letztendlich nicht mehr weiß, ob das Gezeigte Spiel oder Ernst ist.


In dem Nachwort zu der Anthologie schreibt Martin Hielscher, daß ein episches Element in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zurückgekehrt ist. Viele jüngere AutorInnen haben eine Form gefunden, die
zwischen den überstrapazierten Vorstellungen einer auf Erkenntnistheorie und lineare Geschichtsphilosophie auf der einen oder sogenannte “postmoderne” Unterhaltungsästhetik auf der anderen Seite fixierten Literaturbetrachtung vermitteln kann. Beide Betrachtungsmodelle haben das Gespräch über die Literatur und auch die Literatur selbst oft dürftig und vorhersehbar gemacht. Dabei stehen alle narrativen Ansätze grundsätzlich entweder unter Kitsch- oder unter Banalitätsverdacht und im Zweifelsfall sogar gleichzeitig unter beiden, wie man Jahr für Jahr in Klagenfurt erleben kann.
Jetzt können sie wieder das Leben und die Wirklichkeit in lebendigen Zusammenhängen darstellen, ohne auf die Form zu verzichten, genauso wie gestalterische Mittel und ästhetische Konzepte benutzen und ausprobieren, ohne auf das Erzählen zu verzichten.
Apropos Klagenfurt. Letzte Woche gab es zum 25. Mal den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Burkhard Spinnen war dort Juror, aber die diesjährige Kritik an den Kritikern trifft auf ihn nicht zu. Er kann als einer der besten und intelligentesten gelten, was man daran sehen kann, daß er es war, der tatsächlich auch den Gewinner Michael Lentz eingeladen hatte.
Die Jury hat, laut Frankfurter Rundschau, mit Freude gesehen, daß die Texte einen neuen Wert auf episches Erzählen legen, und so sieht man, daß die Wende, von der Martin Hielscher sprach, auch 5 Jahre später in Klagenfurt zu sehen ist und gelobt wird. Ich weiß nicht, ob Burkhard Spinnen zustimmt, aber eins ist für mich ganz sicher: Er kann eine Geschichte erzählen. Das zeigt “Märzhase”. Sie hätte dieses Jahr in Klagenfurt gewinnen können.





Große Kleinigkeiten: die Miniaturen Burkhard Spinnens

Andreas Lehmann

Seltsames passiert in diesen Geschichten: Ein Kioskbesitzer ruiniert sein eigenes Geschäft, indem er versucht, alles zu lesen, was er zum Kauf anbietet; ein Mann erinnert sich lachend daran, wie ihm, als er fünfzehn war, die Tochter des Inhabers eines Geschäftes für „Nähzeug, Schneider-Bedarf und modisches Zubehör“ eine gestreifte Krawatte schenkte, um ihn aufzuheitern; ein Segelflugschüler schafft es, das Flugzeug unbeschadet notzulanden, nachdem sein Fluglehrer einem Herzschlag erlegen ist; eine Frau hat es sich zur Gewohnheit gemacht, im Supermarkt die gefüllten Einkaufswagen anderer Leute zu entführen, um die Waren dann an der Kasse zu bezahlen, als seien es ihre eigenen.
Man könnte noch viel Derartiges aufzählen. Burkhard Spinnens Sammlung von Kürzestgeschichten Trost und Reserve (1996) ist ein Kabinett solcher kleiner Kuriositäten, wie sie auch auf der letzten Seite von Tageszeitungen unter der Rubrik „Vermischtes“ oder „Aus aller Welt“ zu finden sind. Und ähnlich wie dort werden sie auch präsentiert: Die Sprache ist – auf den ersten Blick jedenfalls – sachlich und distanziert, frei von Emotionen oder gar Kommentaren, die der Bedeutung des Erzählten nachspüren. Erklärt wird nichts, nur berichtet. Bei genauerem Hinsehen aber entdeckt man die Kunstfertigkeit, das durch und durch Konstruierte dieser Sprache. Man entdeckt die Ironie und den Witz und die ungeheure Genauigkeit. Kein Wort bleibt dem Zufall überlassen, alles ist sehr sorgfältig beobachtet und gestaltet.

Mit diesem präzisen, ironisch-ungerührten Blick schaut Spinnen auf Begebenheiten, die ebenso unerhört wie unauffällig sind. Die seltsamsten Vorkommnisse, Spleens und Gewohnheiten erweisen sich unter diesem Blick als merkwürdig vertraut, und was zunächst normal erscheint, entpuppt sich als sonderbar und manchmal nur schwer begreiflich. So schaut der Erzähler auf die kleinsten Alltäglichkeiten, wie man in einen Abgrund schaut, und der Leser ist gezwungen hinzusehen. Das kann sehr irritierend, sehr beunruhigend sein, und aus scheinbar oberflächlichen Blicken auf Bekanntes werden plötzlich Einblicke in Unbekanntes: Unsere eigene deutsche Alltagswelt vermag uns auf einmal zu überraschen, zu verwundern, leise Irritationen wachsen zu regelrechter Verblüffung heran. Das ist eine der großen Stärken dieser Erzählungen.

Bezeichnend ist die Geschichte „Kartei des Durchschnitts“ (ein Titel, der für das gesamte Buch Programm ist): Ein vermögender Ingenieur legt über Jahre hin eine „Kartei durchschnittlicher Menschen“ an, Menschen, die er auf der Straße, in Geschäften und Imbissbuden anspricht und dann bittet, aus ihrem Leben zu erzählen. Am Ende, als er alle gesammelten Daten sichtet und zu deuten versucht, wundert er sich darüber, dass es selbst im Leben dieser Durchschnittsmenschen Überraschungen gibt, Brechungen, plötzliche und unvorhergesehene Wendungen. Das Seltsame stellt sich als Teil des Normalen heraus, das Unerwartete als das Unvermeidliche: „Denn sogar in einem vollkommen durchschnittlichen Leben, sagt er, dürfe sich, nach den Gesetzen der Statistik, gelegentlich Mysteriöses ereignen.“ Und die Statistik behält Recht.

Nicht selten besteht die Pointe dieser Geschichten darin, dass es keine gibt: Man erwartet nicht, nicht überrascht zu werden, und ist es deshalb. So ergeht es einem häufiger bei der Lektüre des Buches, so häufig, dass man am Ende das Alltägliche vom Besonderen, das Absurde vom Normalen und das Erstaunliche vom Selbstverständlichen nicht mehr zu unterscheiden vermag. Man ist erstaunt, wie katastrophal manche Kleinigkeit ist, wie klein aber auch manche Katastrophe. Und immer hat man den einen Trost in Reserve: dass auch die Kleinigkeiten, aus denen das eigene Leben besteht, irgendeine Bedeutung haben, überraschen, irritieren, erheitern können.