Jörg Schröder

„Siegfried“: Jörg Schröder erzählt
vom Dumpfmuff und anderen Dingen

Sigrid Fahrer

Auf der Deckblattinnenseite meiner Siegfriedausgabe steht mit krakeliger Schrift: „Die schwarzen Passagen auf den Seiten 251, 253, 254, 257, 264, 265, 273, 274, 275 sind durch ein Urteil des Bayer. Oberlandesgericht München, 3 O 2510/75 LG München II, notwendig geworden.“ Damit liegt wohl ein amtliches Skandalbuch vor, das so wilde Dinge enthält, dass ein Gericht zehn Abschnitte mit Edding durchstreichen lässt.
In Siegfried erzählt Jörg Schröder Ernst Herhaus seine Geschichte, angefangen mit seiner Kindheit und aufgehört mit seinen Ängsten. Eine interessante Geschichte ist das allemal.
Vater Schröder schreibt in seiner Freizeit den Brockhaus ab, Mutter Edith brennt samt Jörg mit dem nachbarlichen Musiklehrer Siegfried durch, der an Hakenmagen leidet und dessen hochfliegende Pläne nichts als Schall, Rauch und Schulden sind. Nach dem Abitur macht Schröder eine Buchhändlerlehre, arbeitet für Olivetti im Außendienst, hat Sex, kriegt einen Tripper, geht zum Westdeutschen Verlag, revolutioniert die Verlagswerbung bei Kiepenheuer & Witsch, hat Respekt vor Witsch, kündigt, schlägt sich in Schwaben mit einem Ex-Mönch-Verleger rum, trifft dann Melzer und steigt in dessen Verlag ein.
Er schafft es, den am Rande vom Bankrott krebsenden Verlag finanziell zu konsolidieren und den anstrengenden Joseph Melzer („Ich sitz’ ja nur da, lese Börne! Mein Herzblut! Meine Blutschweißundtränen! Herr der Welt! Börne! Buber!“) nervlich zu ertragen. Gleichzeitig beginnt er das Verlagsprogramm umzugestalten: von Judaica zu Porno. Den Anfang macht Schröder mit der „Geschichte der O.“, die ihn stark beeindruckt, „weil da hab’ ich zum ersten Mal dieses Arschbumsen begriffen“. Das Buch wird ein Riesenerfolg und der Melzer-Verlag strebt eine Zusammenarbeit mit dem legendären Pariser Pornoverlag Olympiapresse an. Irgendwie klappt das, wenn auch mit viel Geschrei nach Geld seitens des Olympiapressebesitzers Moritz Girondias verbunden, und Schröders Ruf als deutscher Larry Flint wird besiegelt. Dann gibt’s Stunk mit Melzer und in einem coup d’etat gründet Schröder zusammen mit KD Wolff und der restlichen Melzertruppe im Keller des Melzer-Verlags die Kollektive März-Verlag und die Olympiapresse. Eine Zeitlang geht alles gut, wenn auch „Kollektiv“ sich mehr auf kollektives Geldverdienen als „kollektive“ Arbeitsteilung bezieht. Der Verlag floriert und Schröder hat einen Jaguar, Geld, eine Ehefrau, Kinder, geht ins Puff, geht wieder ins Puff, geht noch mal ins Puff. Schließlich gibt’s Intrigen im Verlag, welcher Art sie sind, ist nicht so klar, da diese Stellen im Buch Opfer des Oberlandesgerichts sind. Die schlechte Stimmung wird immer schlechter und führt zu Krise und Pleite, verkürzt gesagt.
Schröder plaudert, nicht nur über geschäftliche Dinge, sondern gewährt auch einen Einblick in private and privates. Er erzählt von seiner Apathie, seinen Ängsten, seinen Frauen, vom Wichsen und guten Wichsvorlagen und verschiedenen Finkeleien, mit denen er alles am Laufen hält.
„Ist ja alles schön und gut“, sagt der geneigte Leser. „Wo ist aber der Skandal? Dass einer „Arschbumsen“ mehr als einmal schreibt, konnte auch 1972 nicht mehr die Gerichte in Wallung bringen.“
Im Buch werden halt Namen genannt und teilweise nicht sehr schmeichelhafte Dinge über verschiedene Leute gesagt, was natürlich zur Erhitzung der Gemüter und einstweiligen Verfügungen führt. Aus heutiger Sicht ist das schwer nachzuvollziehen, einfach aus dem Grund, dass man vom größten Teil der Leute nie etwas gehört hat. Man kann sich einfach schwer vorstellen, dass ein paar Geschichtchen die Welt eines Nobodys so zum Einsturz bringen können, dass er Gerichte bemüht. Aber was weiß ich schon, was in so Leuten vorgeht.
Skandal oder nicht Skandal, Siegfried ist jedoch unbedingt lesenswert. Das Erzählte gibt Zeugnis vom (muffigen) Literaturbetrieb der 50er und 60er Jahre und dem Bemühen um alternative Verlagsmodelle, wobei das März-Kollektiv nicht alleine steht, denkt man an den Verlag der Autoren oder die langsam entstehende Untergrundpresse. Geschildert wird auch alternative Lebenskultur mit allem, was dazu gehört, wie libertinärer Sexualität, Zechen und Geld verplempern. All das in einem lakonisch-komischen Ton, sodass man nicht weiß, ob man belustigt oder betroffen sein soll.