Ulrich Pelzer

Mehr oder weniger

Ingmar Weber

Es würde noch etwas geschehen hier, auch wenn es kaum so aussah, vier Leute um mich rum, einzeln verteilt im viel zu großen Saal, jeder an seinem Tisch, ein Getränk darauf und eine brennende Zigarette im Aschenbecher vielleicht, was man macht, wenn man wartet, auf den Autor, da stehen noch drei im Eingang, bemerkte ich, ist er einer davon, wie sah er noch mal aus auf dem Plakat, das hatte ich vergessen.
Eine Lesung in der Alten Patrone war neu, Ulrich Peltzer, nichts gelesen von ihm, aber etwas gehört, auf der Bestenliste war er, aber 20 Mark sind heftig, auch die 15 Mark bei Ermäßigung, nur war ich schon da, da geht man nicht mehr weg, wußte ja nicht, daß Anna-Seghers-Abend im SWR war, gleich um die Ecke, für umme, Reich-Ranicki war anwesend, redete über das 7. Kreuz, der beste Roman, den in deutscher Sprache eine Frau geschrieben habe, vielleicht hat er recht.
Der Veranstalter ging vor, er hielt die Einführung, wie redet man vor fünf zahlenden Gästen, wahrscheinlich nur vier, eine Frau weiter hinten kam, glaube ich, von der Zeitung, ob Rhein-Zeitung oder AZ weiß ich nicht; er stellte den Autor vor, dann hat der mit dem Lesen begonnen, Demonstration in Spanien, im Baskenland, 200 Protestierende, die sich eine Schlacht mit der Polizei liefern, Abläufe und Manöver, die sich aus der jeweiligen Situation ergeben, gut organisiert, wie auch der Text, präzise Beschreibungen, lange, ausufernde Sätze, die sich in Details verlieren, in Nebensätze und begonnene Aussagen, in alleinstehende Subjekte und prädikatlose Beschreibungsversuche, viele Konjunktive, daß etwas geschehen solle, müsse oder werde, möglicherweise geschieht, ungeheuer exakt und intensiv, aber auch verwirrend, schwer zuzuhören.

Ich gehe gern zu Lesungen, man sieht die Autoren und kann ihre eigene Interpretation hören, wie ihre Stimme die Sätze betont, einzelne Worte, Pausen, Unterbrechungen, ja, Versprecher, man bekommt einen Eindruck, kann Fragen stellen, wenn einem was Schlaues einfällt, wie oft hat man hinterher noch unbeantwortete Fragen, aber das peinliche Schweigen will man auch nicht unterbrechen, oft kommen dieselben Fragen, wie es sich mit dem autobiographischen Gehalt verhält, Verwechslung von Ich-Erzähler und Autor, manchmal auch dumme Fragen, klugscheißerisch, wie einmal beim Grass, Frankfurter Hof, was der seit genau diesem oder jenem Tag 1959 gemacht habe – Antwort bitte in einem Satz,
auch bei Peltzer kamen Fragen, obwohl nur vier Leute, immerhin, 20 Mark als Grund für die geringe Resonanz, kennt man aber als Autor sowieso, selbst schon in Zürich, bei einem Heimspiel, Sitz des Verlages, Ammann, machen schöne Bücher eigentlich,
Links der Büchertisch, gestellt von Shakespeare und so, die sind auch bei jeder Lesung dabei, sehr engagiert, heute wird es sich kaum lohnen, dachte ich, wieviel kostet das Buch?, 36 Mark, kaufe Bücher ja meistens gebraucht, auf dem Büchermarkt, jeden ersten Samstag im Monat vor dem Gutenberg-Museum, noch lieber auf dem Flohmarkt, in der Wühlkiste neben alten Platten, zwischen Simmel und Reader’s Digest, man findet oft genug Schnäppchen, so wie neulich, das Gesamtwerk von Heine in zwölf Bänden für 20 Mark, Top-Zustand

Lesungen brauchen Unterstützung Organisation Autoren anschreiben Saal festmachen Plakate drucken aufhängen mitmachen kann jeder macht auch Spaß

ich nahm Alle oder keiner, was soll’s, bis ich das mal irgendwo billiger finde, kann ewig dauern, wenigstens einer, wenn Lesung sonst kein Erfolg, schon beim Aufblättern stutzte ich, wie verlaufen denn die Zeilen, Absätze, Sprünge mitten im Satz, anstrengend, vermutete ich, erfordert Konzentration beim Lesen. Tat’s auch; lohnte sich aber, die Sprache entwickelt einen ungeheuren Sog, lange nicht mehr erlebt, vielleicht bei Thomas Bernhard, aber hier ist es kein Klagen und Schimpfen und Wüten, kein Protagonist am Rande des Wahnsinns, und auch nicht, wie so oft, das übliche Lamentieren von Männern im besten Alter über die Schlechtigkeit der Welt und der Frauen sowieso. Hier steht ein Enddreißiger am Rande des Bürgerlichen, des Etablierten, mehr oder weniger, man kann es sich vorstellen, mit Job und fester Beziehung, bzw. auch nicht, und die Freunde sind Rechtsanwälte, Marketingleute und Architekten geworden, Filmkritikerin bei einer Stadtzeitung,
ein Leben, daß man akzeptiert, wenn man älter wird, erwachsen, kein Grund zur Klage, wenn nicht alle Knabenmorgen-Blütenträume reiften, verantwortlich sind wir schließlich selbst. Der Roman unserer Generation, schrieb eine Rezensentin, begeistert, ich nehme es ihr ab, auch wenn es nicht meine Generation ist, eher Generation Golf, habe aber nie einen gefahren, nie ein Auto gehabt und trage auch keine Anzüge und bin mehr oder weniger politisch interessiert, sage ich so, lese über die Demonstration im Baskenland, wie die Demos in Gorleben, Genua, Göteborg, wiederkehrend in Davos gegen die da oben, die haben ihre Bilanzen im Kopf, ein tabellarisches, börsentaugliches Zahlenspiel, in dem sich das Wirkliche als Kostenfaktor versteckt hält, das könne man nicht hinnehmen, dachten sie in der Jugend, denken sie noch, modifiziert heutzutage, erfahrener, illusionsloser,
wie man sich mit so vielem arrangiert, weil einem keine Lösung einfällt und man scheinbar verbürgerlicht wird, wie die Hauptfigur Bernhard im Roman, ohne daß das Provisorische aufhört, nichts ist endgültig festgelegt, es ist etwas verloren gegangen, ohne daß deutlich geworden wäre, auf welchem Gebiet und was da genau, zumal man auf der anderen Seite auch nichts vermißt, einen antreibend in eine bestimmte Richtung, dorthin will ich, aber nichts dergleichen, man beschäftigt sich mit diesem und jenem, kriegt Geld, spart Geld, günstigenfalls, und man fragt sich, Peltzer trifft’s irgendwie.

Ob eine Veranstaltung erfolgreich war, glaubt man gleich beurteilen zu können, nur vier Gäste, fünf mit der Frau von der Zeitung, das war nichts, ein bißchen enttäuschend, kann passieren, passiert oft genug. Ist zu einfach gemacht das, mehr oder weniger, ich habe das Buch gelesen und weiterempfohlen, einmal verliehen, der fand’s gut, und drei Bekannte haben sich Alle oder keiner auf mein Anraten sogar gekauft, nicht schlecht, zumindest für mich, immerhin ist es als Taschenbuch noch nicht vorhanden, könnten aber noch mehr werden, dachte ich mir, lade den Autor doch einfach noch mal ein nach Mainz, daß ihn noch mehr kennenlernen, er hat ein neues Werk, Bryant Park, ich bin gespannt, das dürfte doch nicht so kompliziert sein, wie geht die Geschichte?




Den Rausch voll unter Kontrolle

Andreas Lehmann

„Wir alle kennen die Verzweiflung des Nichtverstehens auf den ersten Seiten großer russischer Romane, wo man nicht weiß, welches der Onkel und welches der Bruder und ob die Tante nun die Frau des Onkels ist und der Bruder oder sein Freund verliebt in die Tochter von wem überhaupt.“ So sprach und schrieb Peter Bichsel in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen im Jahr 1982. Nun ist Alle oder keiner kein großer russischer, sondern ein sehr guter deutscher Roman, und es gibt ihn erst seit 1999 – aber die „Verzweiflung des Nichtverstehens“ trifft auf die Anfangspassage dieses Buches hundertprozentig zu: Wo sind wir, fragt sich der Leser, wann spielt die Szene, wer ist beteiligt, wer erzählt wem das Ganze, ja, was passiert hier eigentlich? Aber Bichsel weiß Rat: „Wir sind geübt und wissen, wie man dem Problem begegnet: weiterlesen, es wird sich schon ergeben. Wer sich an den Unverständlichkeiten aufhält, der wird nicht mehr zum Lesen kommen, der muß es aufgeben.“ Also: lesen, immer weiter.
Wer diesen Rat befolgt, wird reich belohnt. Nicht nur, dass er verstehen wird, was wann wem passiert und vielleicht sogar warum – viel mehr noch, er wird all dies in einer Sprache erzählt bekommen, deren Dynamik er sich nicht wird entziehen können. Er wird den Sätzen gerne bis an ihr Ende folgen, das sie zunächst gar nicht zu haben scheinen, wird sich dem Sog ergeben, den diese Sprache auf ihn ausübt. Eine Sprache, die über die Seiten des Romans mit der Kraft eines Stroms fließt. So tritt an die Stelle der „Verzweiflung des Nichtverstehens“ der Genuss, der Rausch des Mitgerissenwerdens.
Das Entscheidende daran aber ist, dass weder Erzähler noch Leser dabei jemals das Bewusstsein verlieren. Das Was der Geschichte tritt nicht hinter das Wie des Erzählens zurück, die Figuren des Romans werden lebendig und glaubhaft und verkommen keinesfalls zum Medium, zur bloßen Bühne einer auf Beifall bedachten Sprachartistik. Die Geschichte von Bernhard, dem in Berlin lebenden Protagonisten und Ich-Erzähler, wird ebenso erzählt wie das Erzählen selbst. Der Leser folgt Bernhard so bereitwillig und gespannt wie den Worten und Sätzen, Seiten und Kapiteln des Buches; beides geht miteinander einher, bedingt sich gegenseitig.
Viele Rezensenten haben diesem Erzählen eine Ähnlichkeit mit der klassischen Moderne attestiert und dabei die ganz großen Namen zum Vergleich herangezogen: Peltzer habe „Intensivkurse bei den [...] Tiefseetauchern der Moderne wie Joyce, Döblin, Pynchon und den Surrealisten absolviert“, schreibt beispielsweise Ursula März in ihrer Besprechung des Buches in der Zeit vom 29. Dezember 1999. Diese Vergleiche sind natürlich gewagt, aber sie sind angebracht. So kommt es nicht selten vor, dass der Sprachstrom den Leser mit großer Kraft mitten in einem Satz oder über eine nicht durch ein Satzzeichen kenntlich gemachte Absatzgrenze hinweg plötzlich in eine andere Zeitebene reißt: „Eben noch“, heißt es wiederum in jener Zeit-Rezension, „saß der Ich-Erzähler Bernhard [...] mit seiner Freundin Evelyn, einer Marktforscherin, und einem befreundeten, ebenfalls schick etablierten Freundespaar Mitte der neunziger Jahre auf dem Balkon zum Fischsuppeessen, man unterhält sich über die üblichen Berliner Themen [...] da taucht Bernhard plötzlich in eine Urszene seiner linken Vergangenheit unter, die sich in den Siebzigern abgespielt haben muss, da es die Betonköpfe der unvergesslichen K-Gruppen waren, auf die Bernhard bei seinem Debüt als öffentlicher Redner die Fantasie-Parolen der neuen undogmatischen Sponti-Szene herunterregnen ließ.“ Eine kleine Beobachtung, ein Blick, eine Geste reicht aus, um Erinnerungen auszulösen, Vergessenes plötzlich zu Worten und damit zur Welt zu bringen. Und niemals geht dabei etwas an Präzision verloren; immer hat Peltzer das Fließen fest im Griff, bestimmt der Erzähler sicher Tempo und Richtung des Stroms. Stets hat er den Rausch der Sprache unter Kontrolle.
So muss man also Peter Bichsel tatsächlich Recht geben, der 17 Jahre vor dem Erscheinen von Alle oder keiner den weisen und ermutigenden Rat gab: „Weiterlesen, es wird sich schon ergeben.“