Ingrid Noll


Nachdem der Hahn kräht
- eine literarische Fahrt
zur Buchmesse nach Leipzig

Holger Stunz

23:45 Diese Frau auf dem Cover schaut mich so verächtlich an. Soll ich das Buch wirklich noch heute Abend anfangen zu lesen? „In der Schule hatte ich zwei altjungfräuliche Lehrerinnen (...).“ Gehöre ich eigentlich zur Zielgruppe? Wie kommt es bloß, daß ich gerade das gleiche Buch lese wie meine Mutter letzte Woche. Aber irgendwie muß doch was dran sein.
Ingrid Noll??!

6:10 Soll ich dieses Buch mitnehmen? Auf der Rückfahrt habe ich ohnehin genug Lesestoff. Das liest sich ja ganz flott. Natürlich muß es eine Verwicklung mit dem Lehrer geben - der Mythos vom attraktiven Lehrer. Das Kennenlernen erfolgt rein zufällig beim Kurs der Volkshochschule. Dann ist sie bei Frau Hirte - so heißt die Protagonistin - da, die große, nie gekannte Liebe. Ich ahne, daß diese idealisierende, ewig hoffende, immer glaubende Liebe in das Unglück führt, das ja schließlich Thema des Romans sein muß. Der Zug verläßt den Bahnhof, es ist noch dunkel. Die Story spielt bei Ladenburg und Mannheim - Frau Noll schreibt also aus ihrem Lebensumkreis. Gab es Vorbilder für den Roman, der sich so zwingend notwendig zum Unwahrscheinlichen entwickelt?

6:45 Eisenach - die Regionalbahn hat Aufenthalt (Wochenendticket). Die Ereignisse überschlagen sich. Der Lehrer (die Heldin nennt ihn stilisierend Witold) gerät mit seiner Frau in Streit. Die magisch angezogene Frau Hirte ist Zeugin und taucht in Witolds Leben auf, um ihn zu beschützen. Es war kein Mord und es soll auch nicht so aussehen.
Gegenüber sitzt eine strickende Frau in Lederstiefeln. Auch sie will nach Leipzig (sie hat es dem Schaffner gegenüber erwähnt), sie sieht mich nicht mehr so fragend an, nachdem sie endlich nach langer Bemühung den Buchtitel lesen konnte. Was soll das bloß heißen. Ich mache mir auch anhand der Lektüre ein Bild von meinen Mitreisenden. Eine bessere Visitenkarte gibt es kaum, oder? Vorurteile. Die Frau wundert sich. Bin ich die Zielgruppe? Ist das die richtige Frage? Meine ist es nicht.

7:19 Als der Zug Gotha passiert, denke ich an die Gemäldesammlung im Schloß und schaue noch einmal fragend auf das Cover. Also: würde ich nach Aussehen der Bücher kaufen und lesen, dann hätte ich mir einen historischen Roman versprochen. Aber nein, das Bild von Grien ‘Eva, die Schlange und der Tod’ entführt nicht ins Mittelalter. Typisches Modecover. Oder hat das verächtliche Lächeln etwas mit Frau Hirte zu tun, die gerade ihrer besten Freundin Beate von ihrem Schwarm berichtet. Mittlerweile ist Frau Hirte bereits voll im Katz-und-Maus-Spiel der Polizei gefangen. Vernichten der Beweise, das Bewußtsein des Besonderen. All das verzückt sie und erschreckt sie zugleich. Der Krimi soll nicht nur den Leser faszinieren, sondern auch die Protagonistin.

7:45 Weimar en passant. Neuer Bahnhof - großer Bahnhof, zumindest in diesem Jahr. Es gleitet im Zug alles noch schneller davon als sonst. Ich habe es aufgegeben, den Spiegel zu lesen, denn sonst diskutiert gleich das ganze Abteil, das sich bis auf den letzten Platz gefüllt hat. Über Der Hahn ist tot will niemand diskutieren. Deshalb lese ich weiter. Ja, und auch weil unmerklich das Erzähltempo zunimmt. Es muß so kommen wie es muß - alles ist perfekt, aber ein Polizeibeamter kommt der im doppelten Wortsinn grauen Büroangestellten in die Quere. Liebe kennt keine Kompromisse. Ist das eigentlich Liebe oder die Vorstellung von Liebe, die sie so weit gebracht hat. Sie sehen, ich bin auf der Metaebene angelangt. Ich steige aus. Großenheringen - ein Umsteigebahnhof.

8:26 Windiger Bahnsteig. Das Buch ruht in der Tasche. Das erste Mal meldet sich der Ehrgeiz, es noch auf dieser Fahrt weiterzulesen. Der Plan von Witold und Freunden, zusammen mit Frau Hirte, die ihm unheimlich scheint, ins Elsaß zum Wandern zu fahren. Wandern, essen und … mehr. Der letzte Satz, den ich im Zug gelesen habe, verrät, daß unsere Mörderin kein sportliches Interesse an der Wanderung hat; dabei sein ist alles (aber das nicht ohne Zweck, denn die Liebe glaubt alles und hofft alles): „Ich bin keine trainierte Läuferin.“

9:34 Ankunft in Leipzig. Das ist kein Bahnhof mehr, sondern ein steriler Glaspalast. Wo zum Teufel ist das neue Messegelände. Ich fahre erst zum alten. Der letzte Akt, der Höhepunkt im Elsaß, muß bis auf die Heimfahrt warten. Leipzig Licht und Schatten.

17:06 Ich wollte nicht bepackt sein nach der Messe und bin es doch. Was wird aus den Resten der Materialschlacht der Reklame? Also lesen werde ich das auf der Heimfahrt nicht. Ich habe genug von der Buchmesse - zurück zur Literatur: Eigentlich sollte auf der Wandertour durch das Elsaß nur geschlemmt werden, aber unsere Mörderin wird mit der Ausweglosigkeit ihrer projizierten Liebe konfrontiert. Ich sage nur Kurzschluß - noch ein Mord. Allen ist es unheimlich. Witold schöpft Verdacht.

18:54 Komisch, ich habe schon lange nicht mehr aus dem Fenster gesehen. Handlung und Landschaft rauschen parallel an einem vorbei. Ein Fön, das corpus delicti, verrät Witold, daß er doch Recht hatte. Es war kein Zufall, daß Frau Hirte mit so vielen Morden in Verbindung steht. Ich hätte fast vergessen, daß auch Beate, ihre beste Freundin, aus dem Weg geräumt wurde - wie sich herausstellt: grundlos. Nehme ich Frau Hirte (Wolf im Schafspelz?) ihre ‘Betroffenheit’ ab? Zurück zur dramatischen Szene, die mit dem Satz endet: „Nun war Witold auch tot.“ Auf ein Mal platzt die Seifenblase. Die Mörderin wird von dem Lehrer vor die Trümmer ihrer Existenz gestellt. Er liebt sie nicht nur, er haßt sie. Aber wer denkt, daß dies bereits das Ende war, irrt sich. Ich war mit dem Zug noch lange unterwegs. Auch dem ‘Liebespaar’ sollte noch eine lange, harmonische Zeit bevorstehen?
Fazit: die Begegnung mit Ingrid Noll findet am besten in einem Zug statt, nicht auf der Buchmesse - oder auch in Mainz.