Jörg Matheis




Am 13. Mai servierte uns Jörg Matheis literarische Leckerbissen aus seinem aktuellen Roman „Ein Foto von Mila“ (für den er im März 2009 den Koblenzer Literaturpreis erhielt) und aus seinem Erzählungsband „Mono“.

Der Roman "Ein Foto von Mila" beschreibt eine Suche nach sich selbst. Mila überlebt das Unglück von Ramstein. Dafür ist sie aber am ganzen Körper versehrt. Ihre Haut ist verbrannt. Mithilfe der Fotografie versucht sie das Geschehene zu verarbeiten und einen neuen Weg zu sich selbst zu finden.

Hier eine Leseprobe:

Und ich spüre, wie in mir auch ein Zittern beginnt, das noch unter der Haut liegt, eine Kälte, die von innen kommt. Die nackte Angst, daß ich mich verstiegen und sie umsonst überzeugt habe, daß ich sie weiterer Gefahr aussetze. "Du kannst dich trauen", sage ich trotzdem, "ich werde dich nicht verletzen. Ich schmelze im Augenblick, in dem du mich berührst. Ich halte die Zeit an."
Sie schüttelt den Kopf. "Das willst du mit jedem Foto, aber nicht mit diesem."
"Du hast recht", gebe ich zu, "im Gegenteil. Ich will uns zurückbringen. Wir löschen alles aus, und wir starten neu."
"Das weißt du nicht", sagt sie, fast ohne ihre Lippen zu bewegen. Ich nicke, und wir betrachten die Arbeit der letzten Monate, die Bretter der Bühne, die ich so sorgfältig präpariert habe: eine Wasserdrainage eingezogen, damit sie sich nicht entzünden kann, Utensilien herbeigeschleppt und einiges davon so hergerichtet, daß es dem Wetter standhalten solle “ den mit Lack überzogenen breiten Sessel, auf dem Mila zu sitzen kommen wird. Darüber die geschweißte Flugzeugnase mit dem flüssigen Gemisch. "Wird man das alles erkennen können, Lorenz? Dieses viele Zeug, dieser winzige Kram... wird man irgendetwas davon sehen können?"
"Das ist meine Arbeit, Mila: daß man das genau erkennt. Es wird gestochen scharf sein. Bis in den letzten Winkel hinein."
"Und bis zur letzten Narbe auf meiner Haut."
"Das auch, ja."
"Können wir das wirklich, Lorenz?" fragt sie. Ihre Stimme ist plötzlich kühler und tiefer geworden. Ihre Hand streicht meinen Arm entlang, aber matt, eine unentschiedene Bewegung.
"Wir sind so weit gekommen, Mila. Das schaffen wir auch noch. Das schaffst du auch noch."
Mila sieht mich an, so prüfend ; ich muß wegsehen. "Ich weiß nicht, ob Liebe so aussieht", sagt sie und wartet, bis ich wieder aufschaue, zieht meine Hand zu sich hinüber. "Wenn deine Liebe so aussieht", wiederholt sie, "ist das verrückt, aber wie sonst solltest du sie zeigen?" Ich umfasse ihre Taille, lege eine Hand hinter ihren Kopf, und sie bettet ihn in die Schale, die ich forme, und ich sauge lange die Luft ein, während ich ihr Gesicht küsse. So schmeckt nur sie, so trocken und fruchtig. Sie löst sich von mir, geht die paar Schritte zum Bretterboden hinüber und steigt hinauf. Das Holz knirscht unter ihren nackten Füßen, mit einer Hand dreht sie ihr Haar über den Schultern zusammen, und ich habe Lust zu sagen, sie solle sich hinsetzen, wir machen das Foto. Aber ich möchte das andere Licht, den roten Abendschein.
("Ein Foto von Mila", S.12-13)