Katja Lange-Müller


Das Tier und wir
Wiebke Skalicky

Katja Lange-Müllers Tiergeschichten, die im kommenden Jahr – aus verstreuten Publikationsorten in Zeitungen und Anthologien neu zusammengestellt und um bislang nicht edierte Texte ergänzt – im Rahmen eines Bandes mit Erzählungen bei Kiepenheuer &Witsch erscheinen sollen, sind keine possierlichen Schnurren: In der Regel geht es in den Texten um die Entlarvung von Sehgewohnheiten, Wahrnehmungs- und Verhaltensstörungen, um die Verkehrung der Perspektive. Das so behaglich klingende Schnurren einer Katze etwa sollte demjenigen, auf dessen Schoß sie es sich bequem gemacht hat, eher bedrohlich in den Ohren sausen – das Raubtier will nur noch rasch ein ihm in der Schöpfung auferlegtes, göttliches Gebot erfüllen, ehe es sein Opfer auffrisst. Dass dies noch nicht zur Katastrophe und endgültigen Entzweiung zwischen Mensch und Katze geführt hat, liegt einzig daran, dass die Menschen nichts von dieser Absicht ahnen – und die Katzen regelmäßig über dem Pflichtgebet einschlafen. Auch die rührend erscheinende Sorge eines Erpels um eine ertrinkende Artgenossin erweist sich bei genauerem Hinsehen als die Folge blinder sexueller Aggression – was die Zuschauer am Seeufer dann aber lieber gar nicht wahrhaben möchten…

Die Schärfe der bis ins Detail präzisen, nahezu sezierenden Beobachtungsgabe der Autorin wird dabei durch ihr Talent ergänzt, Situationen zuzuspitzen und diese dann in bisweilen drastischer oder auch sarkastischer Komik aufzulösen – eine Fähigkeit, die sie auch in ihren anderen Büchern unter Beweis gestellt hat.

In dem 1995 erschienenen Band Verfrühte Tierliebe fällt sofort auf, dass es nicht die vertrauten Haustiere wie Hund und Katze sind, die im Umfeld der Ich-Erzählerin, im ersten Teil ein Mädchen in der Frühpubertät, vorkommen, sondern Insekten, Vögel, Reptilien – und damit nicht-domestizierte Wesen. In ihrem Verhalten, das trotz aufmerksamster Beobachtung letztlich rätselhaft und unverständlich bleibt, spiegelt sich der Drang nach Zerstörung, aber auch nach Befreiung: In jedem Frühjahr wird das einzige junge Grün auf dem Schulhof restlos von Goldafterraupen vertilgt; bei dem Besuch des als Karikatur eines abenteuerliebenden Naturforschers gezeichneten Bisalzki im Biologieunterricht darf das Mädchen für einige wunderbare Augenblicke eine Amazonas-Anakonda um den Hals tragen, deren Muskelkraft die Illusion nährt, das Reptil könne sogar die Gesetze der Schwerkraft überwinden und in die grenzenlose Freiheit des Weltalls entschweben.

Die Schule wird als soziales Experimentierfeld gezeigt, in dem die Schüler reglementiert und konditioniert werden wie Versuchstiere in einem Labor: Wie eine kleine Schachtel ohne Deckel in einer großen, mit viereckigen verglasten Luft- und Gucklöchern, steckte in der Schule der Schulhof, über den, den Herbst meines sechsten Schuljahres lang, immer früh, noch vor der Nullstunde, nicht gerade schnell und dicht beieinander, zwei Ratten liefen, bis der Hausmeister eines Morgens wenigstens die eine mit der Kohlenschippe erwischte.

In diesem Regelwerk geht es um die Aufrechterhaltung der Ordnung; Freiräume für Phantasie, Träume oder auch nur Gefühle sind nicht vorgesehen, da unkalkulierbar und unkontrollierbar. Besonders im Verhältnis zwischen Männern und Frauen wird dies überdeutlich: In der Konfrontation mit Emotionen ziehen sich die männlichen Figuren stets auf ihre – gesellschaftlich oder sozial verankerte – Machtposition zurück, nutzen diese skrupellos zu ihrem Vorteil aus. Als die halb gefürchtete, halb erwartete Annäherung Bisalzkis bei der gemeinsamen Expedition ausbleibt, führt der Wunsch des Mädchens, zu gefallen, Aufmerksamkeit zu erregen, zu einer tiefen Demütigung; eine Erfahrung, die sich mit dem neuen Biologielehrer wiederholt, da dieser nicht in der Lage ist, ein Geschenk als Zuneigungsbeweis und vorsichtiges Liebeswerben zu deuten.
Auch in dem Jahre später spielenden zweiten Teil des Buches steht die junge Frau unter Beobachtung: Beim wiederholten Kaufhausdiebstahl ertappt, wird sie zum Opfer männlicher Machtspiele wie auch ihrer eigenen, erschreckenden Wehr- und Hilflosigkeit.

Dass und wie es Katja Lange-Müller gelingt, die beiden Teile zueinander ins Verhältnis zu setzen, die Erfahrungen und die daraus resultierenden seelischen Folgen für ihre Hauptfigur darzustellen, ohne die Deutungsfreiheit des Lesenden einzuschränken, lässt das Buch auch unter erzähltechnischen Aspekten zu einer faszinierenden Lektüre werden.