Daniel Kehlmann


Mahlers Zeit von Daniel Kehlmann
Roman, Suhrkamp

„Das wäre das Ende der Welt“ oder „die Welt ereignet sich“
von Holger Stunz

Tut es eigentlich einem Buch weh, wenn man es ganz schnell liest? Oder fühlt es sich einsam und wenig beachtet, wenn es hastig zugeklappt wird? Fragt es sich: war ich schlecht?, warum? oder dieser Autor!, warum er? Ich habe dieses Buch schnell gelesen _ auf einer Zugfahrt binnen drei Stunden. Nicht weil ich es endlich loswerden will; das tue ich auch manchmal, dann lese ich Bücher nur aus Mitleid zu Ende, aus einer Pflicht, denn da habe ich es schon gekauft, der Autor hat sich solch eine Arbeit gemacht, der Verlag ebenso.
Aber so war es bei diesem Buch nicht. Ich habe es schnell gelesen, weil es spannend war, weil ich wissen wollte, was dieser geniale Mahler entdeckt hat. Daß es tragisch endet, war klar, denn Personen, die scheinbar übernatürliche Erlebnisse hatten, vereinsamen nicht nur, werden wunderlich, sondern in der Regel sterben sie auch schnell _ vor allem in Romanen. Aber Mahler, David stirbt an einem Herzinfarkt, aber sehr tragisch, denn er hat das Geheimnis dieser Welt auf den Lippen. Erlebnisse und Erscheinungen spielen eine große Rolle im Roman, so beginnt er übrigens auch. Zunächst kämpft David noch nicht gegen einen anonymen Goliath, sondern auch gegen sich selbst. Eine geniale Eingebung überfällt ihn.
Dann geht es ihm wie jedem Studenten, er schreibt innerhalb eines Tages die Weisheit der Welt auf dreißig Seiten, will seinem Professor davon erzählen und dieser ist irritiert, hält die Theorie für Blödsinn. Aber Mahler hat keine x-beliebige Entdeckung gemacht, sondern er will beweisen können, wie die Zeit, die einzige Grunddeterminante des Lebens, das einzig gnadenlos unverrückbare, aus den Fugen zu heben ist. Nur einer kann ihn verstehen, das ‘Phantom’ Professor Valentinow, dem er nachjagt. Dann kommen schon früh merkwürdige Begegnungen Mahlers mit dem Tod; es beschleicht ihn die Gewißheit, daß er ein Auserwählter ist, daß er sein Geheimnis vor Mächten schützen muß, die die Gesetze bestehen lassen wollen.
An was erinnert mich dieser Stoff bloß? Nein, nicht an irgendwelche Heftromane _ nach dem Motto: der geniale Professor hat die Weltformel entdeckt _, denn die lese ich ja angeblich nie. Nein, es ist auch kein Plagiat von Ecos Foucaultschem Pendel, aber die Konstruktion von Realität, die Sinnstiftung, die Theorie, die eine noch viel gewaltigere Theorie nach sich zieht, die vermeintliche Verschwörung. Eco in nuce, aber es geht Daniel Kehlmann wohl nicht um ein semiotisches Statement, sondern um eine Geschichte. Und diese Geschichte ist viel zu leise, viel zu schön erzählt für solch einen wahnsinnigen Stoff. Ich habe das Buch eben nicht zugeschlagen, weil ich mir dachte, daß habe ich alles schon gelesen oder zumindest schon einmal geträumt _ ich fühlte mich lediglich durch einen Schleier erinnert, wollte aber eigentlich gar nicht glauben, daß ich das schon gelesen haben sollte.
Erinnerung ist ein Schlüssel dafür zu verstehen, warum David der Zeit begegnen mußte. Jedesmal überkam ihn die Vision seiner als Kind verstorbenen Schwester. Sie taucht _ wie der Tod _ immer wieder auf. Will David alles rückgängig machen, ist es die nicht verarbeitete Kindheit, die ihn fast Amok laufen lässt, oder doch die Genialität eines Wunderkindes, das sich hinter sich selbst verstecken will?
Psychologisch gibt der Roman einiges her _ man erhält einen Einblick in ein Genie beim Lesen. Aber das allein hat mich auch nicht gefesselt. Ein sehr abgedroschenes, plattes Argument: er hat diesen Roman einfach schön erzählt; nämlich mit Liebe zum atmosphärischen Detail. Das Wichtigste ist aber, daß die Geschichte ausgestaltet wird. Ich frage mich, ob das wie bei Brecht ist: den Plot kennen wir schon, aber wir sollen auf die Details achten.
Ich glaube, daß Daniel Kehlmann auf viele Phantasien der Leser zurückgreifen kann, denn jeder hatte mal eine solche Entdeckung (ich habe geglaubt, im Mathekurs 11 eine Regel in der Ableitung von Formeln entdeckt zu haben, meine ‘regula restituendi’; ich dachte, ich werde berühmt. Zwei Monate später habe ich Mathe abgewählt). Nein _ das ist es nicht, es kommt auf die Ausgestaltung an, und die ist spannend. Man muß sich allerdings nicht durch eine poetisierte Sprache hindurchlesen, sondern kann genüßlich schmökern, auch ohne alle Motive entschlüsseln zu können (warum so viele Insekten?).
Ich habe somit dennoch etwas Neues gelesen, habe ein spannendes Schicksal kennengelernt und ehe ich mich’s versah, bin ich aus dem Zug ausgestiegen und habe nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen war. Das Buch war schon gelesen.
Ob das mit rechten Dingen zugegangen war.
Ich werde darüber schreiben.


Und die Welt ereignet sich

Nach einer Weile bemerkte er, daß neben ihm eine Libelle schlief

Ich habe es gelöst