Peter Henning

»Immer unterwegs« —
Aus der Spur und Tod eines Eisvogels

von Wiebke Skalicky



Ein Mann am Flughafen. Während er dort steht und wartet, springt in der verlassenen Wohnung der Anrufbeantworter an und eine Frauenstimme – die Stimme seiner Frau Kristina, die er abholen wollte – sagt nur zwei Sätze:

Ich will nicht mit dir sprechen, aber ich will, daß du weißt, daß ich nicht zurückkomme.

Wer möchte schon verlassen werden, und noch dazu: so…
Paul Hauser, so der Name des etwa 40jährigen Protagonisten in Peter Hennings Erzählung »Aus der Spur«, reist ihr hinterher ins spanische Cunit. Schon im Flugzeug plagen ihn jedoch quälende Visionen, seine Absichten und Erwartungen sind ihm selbst unklar. Vor Ort angekommen, muß er dann schließlich erfahren, daß Kristina gar nicht da ist, sondern erst in fünf Tagen zurückerwartet wird.
Fünf Tage, in denen Hauser abwechselnd in Erstarrung und rastlose Bewegung verfällt, sich im Zwiespalt seiner Empfindungen aufreibt.
Nach eigenem Bekunden hielt er doch nie etwas davon, sich etwas vorzumachen – warum hatte er dann so zäh an der Vorstellung festgehalten […], noch eine Zukunft mit ihr zu haben, zu einem Zeitpunkt, da Offenheit füreinander nur noch eine aus räumlicher Entfernung geborene Illusion war und Nähe immer häufiger in Quälerei umschlug?

Wir hatten uns in täglicher Einübung ganz langsam die Luft abgedreht, hielten einander nur dadurch in Schach, daß wir auf vorgetäuschte Fragen und Gefühle mit vorgetäuschten Antworten und Gefühlen reagierten.
Wir schlugen und küßten uns.
Doch die Schläge waren härter und gezielter geworden und die Küsse weniger leidenschaftlich und längst nicht mehr so befreiend.

Was bleibt da noch als Motiv für die Suche nach dem Augenblick, in dem alles eine andere Richtung hätte nehmen können? Vielleicht das Bild einer Kristina, die in Cunit an einem sonnenhellen Morgen im sechsten Stock auf dem Balkon steht, übers Geländer gebeugt, mit flatterndem Haar… Wenige Tage später wird sie den schlechten Schwimmer Hauser, der sich zu weit von der Küste weggewagt hatte und schon kurz davor ist, dem Sog des kalten Wassers nachzugeben und sich sinken zu lassen, wie selbstverständlich aus dem Meer fischen.
Letztlich gibt die Geschichte dieser Beziehung lediglich den Rahmen der Erzählung ab, sozusagen den äußersten Ring des Strudels der Erinnerung, in den Hauser gerät.
Die eigentliche Stärke des Buches liegt einerseits in den Sequenzen, die Hausers Kindheit wachrufen, andererseits in der anrührenden Darstellung seiner Konfrontation mit dem Sterben des Vaters. Der phantasievolle und verträumte Junge kommt schon früh mit dem Tod in Berührung:

Doch dann war eines Tages mein Schulfreund Peter Brosio bei einem Asthmaanfall in seinem Bett erstickt.

Dieser Tod war für mich wie das Übertreten einer Schwelle, er war für mich die Bestätigung meiner Zweifel, und ich hörte auf zu träumen und tat mir nicht mehr leid. Von da an stand für mich fest: Veränderung bedeutete Zerfall und war nichts anderes als eine Vorstufe des Todes.
Darum hatte ich auch aufgehört, Pläne zu machen; Pläne bedeuteten Veränderung. Statt dessen hatte ich mich aufs Beobachten verlegt. Ich wollte nur noch, daß alles so blieb, wie es war.

Neben schmerzvollen Erfahrungen dieser Art prägt vor allem die Auseinandersetzung mit dem als hart und abweisend empfundenen Vater die Jugendzeit.

Die Welt des Vaters war in meiner Erinnerung auch eine der Gerüche: Es roch nach Stahlwolle, Messing und Nitroverdünnung. Wenn ich die Augen schloß und mich in Gedanken in seine Steinhöhle zurück bewegte, in der er sein altes Ingenieursleben unter zahllosen Dingen, die niemand mehr brauchte, begrub, stiegen mir sogleich wieder die Gerüche von erhitztem Plexiglas, flüssigem Lötzinn und Propangas in die Nase.

Als Erziehungsmittel, die den Sohn zum Spuren bringen sollen, dienen vor allem markige Lebensweisheiten, die vom Heranwachsenden irgendwann nur noch als Gerede empfunden werden. Für die zwanghaften Verhaltensweisen des Vaters, der mit Kamerahilfe die Zeit aufzuhalten und sein Gedächtnis, damit auch seine Identität auf Foto und Film zu bannen versucht, hat Hauser, der seinen Platz im Leben gefunden zu haben glaubt, schließlich nur noch Kopfschütteln übrig.
Doch dann beginnt mit der Diagnose: Krebs ein langsamer und unaufhaltsamer Abschied, der Vater und Sohn einander wieder näherkommen läßt, den Blick wieder freimacht für die verschütteten Gefühle von unausweichlicher (Ver-)Bindung.
In jenen Tagen war eine seltsame Wandlung mit mir vor sich gegangen, selbst die Nägel der kleinen Finger ließ ich mir ebenso auffällig lang wachsen, wie er es getan hatte. Er hatte sie zum Brieföffnen benutzt, hatte kleine Schräubchen damit auf und zu drehen können und in Augenblicken, in denen er sich unbeobachtet wähnte, in der Nase gebohrt. Schweißbrenner, Kreuzworträtsel, Schmerztabletten: Vater!

Der Aufenthalt in Cunit wird für Hauser zu einer Reise in die Vergangenheit – und zugleich zu einem Aufbruch in die Zukunft. Doch eins ist klar: Um in seinem Leben wieder Halt zu finden, wird er mehr als einen Spurwechsel brauchen…

Schon in seinem Erstling – »Tod eines Eisvogels« – hat Peter Henning sich in einfühlsamer Weise mit dem Thema Familie auseinandergesetzt: das Beziehungsgeflecht, in dem Menschen sich verstricken, das sie zu Fall bringt, die daraus resultierenden Beschädigungen körperlicher wie psychischer Natur.
Der Ich-Erzähler versucht zu entkommen und bleibt doch der Gefangene seiner Biographie – wie auch die übrigen Familienmitglieder. Nachhaltig beeindruckend ist die Schilderung möglicher Fluchtwege aus der Enge und Borniertheit eines kleinbürgerlichen Alltags, die am Ende alle in die Sackgasse führen: Religion, Krankheit, Verfolgungswahn, selbst der Aufbau einer gesicherten und überschaubaren beruflichen Existenz vermittelt nur die Illusion eines geglückten Lebens, kann den Blick in den Abgrund nicht auf Dauer verschleiern.
Und dann scheint es erneut nur einen Ausweg aus der unerträglich beklemmenden Gegenwart zu geben: Flucht. Diese kann prinzipiell in zwei Richtungen führen: in die Zukunft (oder das, was davon noch übrig ist) oder die Vergangenheit. Die Mutter wählt die erste Variante:

Am Ende hatte Mutter ihre Kittelschürzenexistenz beherzt gegen das Leben eingetauscht. Uns aber, ihre Kinder, wollte sie auf ihrem letzten Freigang nicht mehr als Begleiter.
Wählte ich ihre Nummer im Stift, um zu hören, wie es ihr ging, redete sie wie eine, die gewillt war, endlich nur noch an sich zu denken. Dann sprach sie von ihren Rommé-Damen, von Plattenabenden und Gedächtnistraining. Erinnerte ich sie aber an ihr altes Leben, in dem wir noch immer ihre Kinder waren, wechselte sie entweder kurzerhand das Thema, oder aber sie hielt mir schroff ihre Angst entgegen, sich aufzuregen und am Abend nicht einschlafen zu können.

Auch die Schwester Leni, die seit Jahren in einer psychiatrischen Anstalt vor sich hin vegetiert, hat nicht mehr viel Zukunft – aber immer noch einen Funken Lebenshunger. Und auf ihre drängende Bitte hin entführt sie ihr Bruder und geht mit ihr auf eine Reise in die Vergangenheit, in die Niederlande ans Meer, wo sie als Jugendliche glückliche Tage verbracht hat. Der Weg führt in die sommerlich brütende Hitze, Lenis Fieber wird immer schlimmer, aus der sehnsüchtigen Suche wird allmählich ein zielloses Dahintreiben, das am Ende in die Agonie führt:

Es war, als zöge sich in unserem Fahren all das Erlebte, Vergangenheit und Gegenwart, zu einem einzigen endlosen Augenblick zusammen.

Der bewegende und verstörende Inhalt des Romans ist dabei in einer ebenso lyrisch-poetischen wie auch präzise analysierenden Sprache dargeboten: ein ergreifender Text, der den Leser nicht so leicht losläßt.